Augenprothetik-Filigrane Handwerkskunst auf höchstem Niveau
Der BSV-Vorstand blickt hinter die Kulissen der "Glasaugenherstellung"
Bei der letzten Vorstandssitzung des BSV Mönchengladbach Mitte Juli bot sich kürzlich die besondere Gelegenheit, mehr über das seltene Handwerk eines Okularisten zu erfahren. Herr Liebermann von der Firma Lauscha Augenprothetik reiste am Abend der Vorstandssitzung an und so ergab sich die Gelegenheit des Kennenlernens. Er erklärte anschaulich, wie aus Glasröhren und farbigen Glasstäben täuschend echte Augenprothesen entstehen.
Der Besuch kam nicht von ungefähr. Nachdem die Firma neue Räumlichkeiten am Niederrhein suchte, weil der bisherige Standort in Tönisvorst nicht mehr zur Verfügung stand, konnten die Räume des BSV auf der Albertusstraße als neuer Anlaufpunkt angeboten werden. Seit diesem Jahr bietet Herr Liebermann dort dreimal jährlich den Kunden die Herstellung von Augenprothesen an. Die Firma ist bundesweit tätig und betreut Patienten weit über die Region hinaus. Selbst Reisen nach China gehören zum Arbeitsalltag der Firma Lauscha.
Ein seltenes und anspruchsvolles Handwerk:
Der Beruf des Okularisten ist ein anerkannter Ausbildungsberuf, den jedoch nur sehr wenige Menschen in Deutschland ausüben. Kein Wunder: Die Tätigkeit erfordert nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch medizinisches Fachwissen, ein gutes Auge für Farben und Formen sowie künstlerisches Talent.
Im Durchschnitt kann ein erfahrener Okularist etwa einen Patienten pro Stunde versorgen. Dabei gleicht keine Prothese der anderen. Jedes künstliche Auge wird individuell angefertigt und exakt an die anatomischen Gegebenheiten des Trägers angepasst. Etwa 1000 Rohlinge bläst Herr Liebermann aus den Röhrchen, die er von der Glashütte erhält mit dem Mund zu Kugeln und bringt diese nach Mönchengladbach mit. So hat er vor Ort eine große Auswahl von Kugeln, welche er vorab schon mit den verschiedensten Augenfarben (von grün bis braun) eingefärbt hat.
Glaskugel oder Schale?
Auch ein weitverbreitetes Missverständnis konnte Herr Liebermann ausräumen. Häufig hört man die Behauptung, ein Glasauge bestehe aus einer Kugel. Tatsächlich werden Augenprothesen je nach medizinischer Situation als individuell gefertigte Glasschalen hergestellt, die passgenau auf die Augenhöhle abgestimmt sind. Eine Kugel hätte in der Augenhöhle keinen Halt. Die Schale schmiegt sich an die Anatomie an und bewegt sich mit den muskulären Augenbewegungen mit.
Wichtig ist der regelmäßige Austausch der Prothese. Glasaugen sollten nach Möglichkeit einmal jährlich erneuert werden. Mit der Zeit nutzt sich die Oberfläche ab und wird rauer. Dies kann zu Reizungen führen und im schlimmsten Fall den Augenstumpf oder ein noch vorhandenes, aber nicht funktionsfähiges Auge schädigen.
Wie entsteht ein Glasauge?
Die Herstellung einer Augenprothese ist faszinierende Präzisionsarbeit. Als Material dient spezielles Kryolithglas, das über einer Gasflamme auf etwa 1.000 Grad Celsius erhitzt wird.
Zu Beginn untersucht der Augenprothetiker die Augenhöhle des Patienten sehr genau. Größe, Form und Beweglichkeit der Augenhöhle werden ebenso berücksichtigt wie Farbe und Struktur des gesunden Auges. Nur so kann eine individuell passende Prothese entstehen.
Nach Auswahl eines farblich und von der Größe passenden Rohlings wird aus der erhitzten Glaskugel der Grundkörper geformt. Durch geschicktes Drehen, Blasen und Modellieren entsteht die spätere Augenform. Aus der geblasenen Rohlingkugel wird die spätere Schale dann herausgetrennt.
Besonders beeindruckend ist die Gestaltung der Iris. Hier zeigt sich die künstlerische Seite des Berufs. Mit verschiedenfarbigen Glasstäben werden Farbverläufe, Muster und selbst kleinste Pigmentflecken des gesunden Auges nachgebildet. Danach folgt die Pupille, deren Größe möglichst genau an das Partnerauge angepasst wird.
Auch die weiße Lederhaut wird individuell gestaltet. Dabei werden feine rote Glasfäden eingeschmolzen, die die natürlichen Blutgefäße imitieren. Erst diese Details verleihen der Prothese ihr lebensechtes Aussehen.
Nach der Fertigung wird das Glasauge mehrfach angepasst. Sitz, Beweglichkeit, Symmetrie und Lidschluss werden sorgfältig überprüft und bei Bedarf korrigiert. Zum Schluss erfolgt die Politur. Die glatte Oberfläche sorgt für hohen Tragekomfort und schützt das empfindliche Gewebe in der Augenhöhle.
Mehr als nur ein Ersatz
Der Vortrag von Herrn Liebermann machte deutlich, dass Augenprothesen weit mehr sind als ein kosmetischer Ersatz. Für die Betroffenen bedeuten sie oft ein großes Stück Lebensqualität und Selbstvertrauen, da sie ggfs. ein entstelltes Auge ersetzen. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren eine Augenprothese. Der Eigenanteil des Versicherten pro Glasschale beträgt 10 €.
Der Vorstand des BSV Mönchengladbach zeigte sich beeindruckt von der Leidenschaft und Präzision, mit der Herr Liebermann sein seltenes Handwerk ausübt. Ein spannender Einblick in einen Beruf, den nur wenige kennen, dessen Arbeit aber für viele Menschen von unschätzbarem Wert ist.
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