Sommerausflug 2026: Ein Blick in die Tiefen des Rheinischen Reviers
Am Samstag, den 12. September 2026 führte der diesjährige Sommerausflug des Blinden- und Sehbehindertenvereins Mönchengladbach und Viersen unsere Mitglieder und Freunde an einen Ort, der wie kaum ein anderer die Geschichte, Gegenwart und Zukunft unserer Region verkörpert: den Tagebau Garzweiler im Rheinischen Revier.
Um viertel vor zehn trafen sich 54 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Begegnungsstätte an der Mozartstraße. Nach der verzögerten Anfahrt des Busses ging es mit 20 minütiger Verspätung Richtung Hehn. Hier wartete zunächst ein kulinarischer Auftakt im Hehner Hof. Das reichhaltige Frühstücksbuffet ließ keine Wünsche offen. Ob Müsli, Joghurt, verschiedene Käse- und Wurstsorten oder das für viele unverzichtbare Mett mit frischen Zwiebeln: Hier konnte sich jeder für den bevorstehenden Tag stärken. In geselliger Atmosphäre wurden erste Gespräche geführt.
Anschließend ging es weiter in Richtung Grevenbroich Frimmersdorf. Dort wurden wir von unserem Guide Helmut Schmitz empfangen. Der Diplom-Ingenieur arbeitete viele Jahre als Elektroingenieur im Tagebau und ist heute für die Öffentlichkeitsarbeit von RWE tätig. Mit großem Fachwissen, aber auch mit vielen eigens erlebten Anekdötchen begleitete er uns durch einen spannenden und informativen Nachmittag.
Die Dimensionen des Tagebaus beeindruckten bereits bei der Einfahrt. Mit einer Fläche von rund 110 Quadratkilometern und einer Tiefe von bis zu 250 Metern wirkt die Landschaft wie eine eigene Welt.
Nach der Anmeldung und Einfahrt mit unserem Reisebus auf das Werksgelände war der erste Halt der zentrale,, stationäre Kohlebunker, eine rund 600 Meter lange unterirdische Anlage. Hier erfuhren wir, wie die geförderte Braunkohle heute computergesteuert eingelagert wird. Je nach Qualität und Herkunft wird die Kohle getrennt gelagert. Dabei wird unterschieden, ob sie aus den Tagebauen Hambach, Inden oder Garzweiler stammt. Von hier aus erfolgt die bedarfsgerechte Versorgung der Kraftwerke Neurath, Weisweiler und Niederaußem. Das einst bedeutende Kraftwerk Frimmersdorf hat seinen Betrieb inzwischen eingestellt und wird rückgebaut. Die Qualität der Kohle unterscheidet sich bspw. durch ihren Sandanteil. Dies ist heutzutage aber gewollt, da der Sand in den Brennkammern sandstrahlende Wirkung hat und so Anbackungen an den Ofenwänden entgegenwirkt.
Anschließend fuhren wir zum sogenannten „Skywalk“, einem Aussichtspunkt mit spektakulärem Blick über den Tagebau. Von hier aus wurde die gewaltige Größe des Abbaugebiets besonders deutlich. Gleichzeitig erfuhren wir, dass der Skywalk bereits Ende dieses Jahres abgerissen wird, da die fortschreitenden Abbaggerungsarbeiten den Aussichtspunkt erreichen werden.
Ein weiteres Thema waren die riesigen Förderbänder, die sogenannten Bandstraßen. Erstaunlich war für viele Teilnehmer, dass diese nicht vollständig stationär sind. Mit dem Fortschreiten des Tagebaus müssen sie immer wieder versetzt werden. Besonders beeindruckend war die Information über ein spezielles Hubgerät, das Förderbandanlagen mit einem Gewicht von bis zu 600 Tonnen anheben und umsetzen kann.
Ein Höhepunkt der Besichtigung war die Fahrt zum tiefsten Punkt des Tagebaus über eine lange steile Rampe. Dort konnten wir den Reparaturplatz aus nächster Nähe betrachten. Leider stand hier aktuell kein Braunkohlebagger. Der Platz ist speziell verdichtet, so dass auch mehrere 100 Tonnen schwere Baggerteile abgelegt werden können. Das Schaufelrad mit seinen 18 Schaufeln misst z.B. einen Durchmesser von mehr als 21 m. Auf einem Bagger sind Schlosser- und Schweißerwerkstatt und zwei Führerstände, einer links und einer rechts vom Schaufelrad montiert. Heutzutage sind nur noch drei Mitarbeiter auf einer Baggerschicht (zwei Baggerführer und ein Schichtleiter). Der größte Bagger 822 stammt aus dem Jahr 1978 und wiegt mit seiner Länge von 225 m knapp 13.000 Tonnen. Er wurde vom damaligen Tagebau Hambach nach Garzweiler überführt. Vielen ist die spektakuläre Überfahrt im Jahr 2001 über die A61 noch im Gedächtnis. Anschließend ging es mit dem Reisebus über die steile Rampe wieder hinauf.
Auf der weiteren Strecke überquerten wir die neu gebaute Autobahn A44n. Sie führt auf einem eigens aufgeschütteten Damm durch das Tagebaugebiet und ersetzt frühere Verkehrswege, die dem Kohleabbau weichen mussten.
Besonders interessant war danach der Blick in die Zukunft. In den bereits rekultivierten Bereichen des RWE-Geländes erfuhren wir, welche Maßnahmen für Natur- und Artenschutz umgesetzt werden. Helmut Schmitz erläuterte außerdem die Aktivitäten von RWE im Bereich der erneuerbaren Energien. Dazu gehören moderne Windkraftanlagen mit einer Höhe von rund 200 Metern ebenso wie große Photovoltaikanlagen. Einige dieser Anlagen konnte man, wenn man noch einen entsprechenden Sehrest hatte, später auf der Rückfahrt in der Nähe des Autobahnkreuzes Jackerath abschließend erblicken.
Auch die Energiewende wurde ausführlich thematisiert. Dabei wurden die Begriffe „Dunkelflaute“ und „Hellbrise“ erläutert. Vereinfacht gesagt kann Strom, der aus Wind- und Sonnenenergie hergestellt wird, noch nicht im ausreichenden Maße zwischengespeichert werden, so dass er dan zur Verfügung steht, wenn er gebraucht wird. Nach aktuellem Stand soll der Kohleausstieg bis spätestens 2030, erfolgen. Bis dahin dient die Braunkohle weiterhin als Reserve zur Absicherung von Versorgungslücken.
Der Ausflug zeigte eindrucksvoll die Gegensätze des Rheinischen Reviers. Auf der einen Seite stehen Arbeitsplätze, Energieversorgung und technische Meisterleistungen. Auf der anderen Seite die Eingriffe in die Landschaft und die Schicksale der Menschen, die über Jahrzehnte ihre Heimatorte verlassen mussten. Kaum ein anderes Projekt veranschaulicht die Herausforderungen des Strukturwandels so deutlich.
Nach den zahlreichen Eindrücken ging es am späten Nachmittag weiter zum Brauhaus Krone in Bergheim. Bei Pasta oder Schnitzel ließen wir den Tag gemütlich ausklingen.
Als wir am Abend wieder an der Mozartstraße ankamen, blickte man in viele zufriedene Gesichter. Ein erlebnisreicher Tag, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Ein Dank gilt hier vor allem Karin Beckers vom Vorstand und Ulla Harings aus der Geschäftsstelle für die Vorarbeit aber auch Stefan Peters für die Organisation am Tag selbst.
Auch der Busfahrer Addy muss hier erwähnt werden. Er manövrierte uns sicher mit dem Dreiachser Reisebus durch die Straßen von Gladbach und Bergheim, aber auch durch den zum Teil anspruchsvollen Tagebau. So mancher hatte sich über die Umwege innerhalb Mönchengladbachs gewundert. Hier musste Addy immer einen Blick auf das Lkw-NavI werfen, da nicht alle Brücken in der Stadt mit 26 Tonnen-Fahrzeugen überfahren und 3,8 m Höhe unterfahren werden konnten.
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